Zurück unter Barcamp-Nerds – mein Wochenende in Nürnberg

Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich Barcamps liebe.
Als ich um 2010 herum zum ersten Mal von diesem Veranstaltungsformat gelesen habe, war ich sofort Feuer und Flamme. Ich wollte unbedingt zum Barcamp nach Stuttgart, damals eines der bekannteren Barcamps bei mir in der Nähe. Nur fiel das ausgerechnet immer auf das Wochenende, an dem meine Frau Geburtstag hatte. Das ging zwei oder drei Jahre so, bis es 2012 endlich einmal mit den Terminen gepasst hat.
Nach meinem ersten Barcamp-Wochenende war ich total begeistert. So viele offene Menschen, so viel Austausch und so selbstverständlich wurde Wissen geteilt. Man kam mit Menschen ins Gespräch, die man vorher nicht kannte, sprang von Thema zu Thema und ging am Ende mit einem Kopf voller neuer Ideen nach Hause.
So ein Format wollte ich auch nach Heilbronn bringen. In dieser Zeit habe ich gemeinsam mit einigen Mitstreitern das IT-Netzwerk connect.IT Heilbronn-Franken gegründet. Seit 2014 hatte ich die Ehre, das Format nach Heilbronn zu bringen und viele Barcamps mit connect.IT zu organisieren und zu moderieren – natürlich mit Event-Support aus unserem Netzwerk und immer wieder toller Unterstützung durch Unternehmen aus der Region.
Mit der Gründung meines zweiten Unternehmens Education Future im Jahr 2018 wurde meine Zeit knapper, später hat Corona erst einmal eine richtige Lücke gerissen. Danach habe ich es nicht mehr geschafft, die komplette Barcamp-Organisation zusätzlich zu stemmen.
Umso schöner ist es, dass das Barcamp Heilbronn weiterlebt. Nicole, mit der mich über connect.IT seit vielen Jahren eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit verbindet, organisiert es heute gemeinsam mit ihren Studierenden an der Hochschule Heilbronn. Ich bin eher unterstützend am Rand dabei, zusammen mit meinem inzwischen ebenfalls ziemlich Barcamp-erfahrenen Team von gravima.
Nach Jahren wieder raus aus Heilbronn
Was mir aber gefehlt hat: selbst mal wieder auf einem Barcamp außerhalb von Heilbronn zu sein. Einfach Teilnehmer sein, andere Leute treffen, Sessions besuchen und schauen, was passiert. So richtig Barcamp-Luft mit den Barcamp-Nerds hatte ich schon viele Jahre nicht mehr geschnuppert.
Dann erzählte mir eine langjährige Freundin, Silke, dass sie zum Barcamp nach Nürnberg geht. Das fand nach längerer Pause mal wieder statt. Meine Reaktion war ziemlich schnell: Komm, gute Idee, da fahre ich einfach mit.
Bei der Gelegenheit erwähnte Silke gleich noch, dass eine Woche später auch das Barcamp in Pforzheim stattfindet. Und so kam es, dass ich vom 18. bis 20. September in Nürnberg war und eine Woche später schon beim nächsten Barcamp in Pforzheim saß.
Zu Pforzheim gibt es einen eigenen Artikel. Erst einmal Nürnberg.
Moment mal: Nur 30 Leute?
Organisiert wurde das Barcamp von Andreas, den ich noch von früheren Barcamps kannte und der das Nürnberger Barcamp nach längerer Pause wieder in die Hand genommen hatte.
Beim Treffen am Vorabend erfuhr ich, dass sich gerade einmal knapp 30 Leute angemeldet hatten. Ich war ehrlich gesagt ziemlich gespannt, wie sich das anfühlen würde. Die Barcamps, auf denen ich bisher war, hatten teilweise bis zu 200 Teilnehmer. Und jetzt 30?
Am Samstag waren wir dann tatsächlich eine kleine, schnucklige Truppe mit entsprechend nur zwei Session-Räumen. Die Themen waren trotzdem sehr breit gefächert und zu meiner Freude war auch einiges für „Techie Steffen“ dabei. Vor allem merkte man ziemlich schnell einen anderen Vorteil der kleinen Runde: Man begegnete sich ständig wieder, Gespräche gingen nach einer Session einfach weiter und nach kurzer Zeit kannte man fast alle Gesichter.
Vibe Coding und mal eben eine neue Folie bauen
Tobias gab in seiner Session zu Vibe Coding mit Claude spannende Einblicke in seine Arbeitsweise. Dabei blieb mir nicht nur das Programmieren hängen, sondern vor allem, wie selbstverständlich KI inzwischen in ganz andere Arbeitsabläufe hineinwandert.
Er zeigte zum Beispiel, wie er mit Claude Design Präsentationen erstellt. Fehlt eine Folie, muss man nicht zwingend die Präsentation öffnen und selbst anfangen, Layouts herumzuschieben. Screenshot teilen, Claude den Kontext geben und sinngemäß sagen: „Bau mir daraus bitte noch eine passende Folie für diese Präsentation.“
So arbeitet man heute.
Es sind genau solche kleinen Beispiele, bei denen mir auffällt, wie schnell sich unsere alltägliche Arbeit gerade verändert. Nicht irgendwann in einer fernen KI-Zukunft, sondern bei Aufgaben, die wir heute ganz selbstverständlich am Rechner erledigen.
Tippen ist gestern
Auch Andreas zeigte in einer Session, welche KI-Tools er inzwischen nutzt, um produktiver zu arbeiten. Eine gute Übersicht zu KI-Tools gibt es auf seiner Webseite. Meine Erkenntnis daraus: Sprache wird immer mehr zum natürlichen Interface im Umgang mit KI.
Ich schreibe mit zehn Fingern ziemlich schnell und habe Spracheingabe deshalb lange nicht als besonders wichtig angesehen. Aber gerade bei KI verändert sich das. Statt jeden Gedanken erst sauber über die Tastatur zu formulieren, kann ich ihn einfach erzählen. Besonders wenn viel Kontext nötig ist, ist das oft schneller und natürlicher.
Seit Nürnberg ertappe ich mich tatsächlich noch häufiger dabei, Dinge einfach einzusprechen.
Wenn „Das geht nicht“ plötzlich nicht mehr reicht
Sehr beeindruckt hat mich auch die Geschichte von Michael. Er hat als Unternehmer angefangen, mit Unterstützung von KI seine eigene Systemlandschaft Stück für Stück umzubauen: Prozesse automatisieren, Shopware-Plugins ersetzen, Insellösungen loswerden und Dinge selbst entwickeln, für die vorher externe Lösungen nötig waren.
Besonders spannend fand ich dabei seine Haltung. Nach seiner Erzählung bekam er durchaus auch von Entwicklern zu hören, dass bestimmte Dinge so nicht funktionieren würden. Er wollte sich damit aber nicht zufriedengeben, probierte weiter und hat sein Unternehmen inzwischen sehr weitgehend digitalisiert und automatisiert.
Dabei hatte er vorher selbst keine große Programmiererfahrung.
Solche Geschichten öffnen mir immer wieder die Augen. KI macht natürlich nicht jeden automatisch zum Softwareentwickler. Aber die Hürde, eine Idee selbst auszuprobieren und ziemlich weit zu kommen, ist enorm gesunken. Gerade für Menschen, die offen für Technik und Coding sind und bereit sind, sich hineinzufuchsen, entstehen dadurch ganz neue Möglichkeiten.
Und plötzlich kann man bei einem „Das geht nicht“ viel einfacher selbst überprüfen, ob es wirklich nicht geht.
Barcamp besteht zum Glück nicht nur aus Sessions
Ein Highlight war übrigens auch das Essen. Neben leckeren Pizzen hat die Frau von Andreas am Samstag und Sonntag vor Ort thailändisch gekocht – ganz unkompliziert und super lecker. Für mich besser als in so manchem Thai-Restaurant.
Auch das gehört für mich zu einem Barcamp: zusammensitzen, essen und weiterreden. Manche der besten Gespräche finden eben nicht im Sessionraum statt.
Am Sonntag war fast dieselbe Mannschaft wieder da. Nach der kleinen Runde am Samstag fühlte es sich tatsächlich schon ein bisschen wie Familie an.
Diesmal habe ich auch selbst zwei Sessions eingebracht. In einer kleinen Gruppe haben wir uns mit einer Idee beschäftigt, die am Samstag aufgekommen war: Wie könnte man überlaufende Mailpostfächer mit Automatisierung und KI besser in den Griff bekommen?
Die zweite Session drehte sich um GEO – Generative Engine Optimization. Also um die Frage, wie sich Sichtbarkeit verändert, wenn Informationen nicht mehr nur über klassische Suchmaschinen gefunden werden, sondern zunehmend über Antworten von KI-Systemen. Manuel war ebenfalls an dem Thema dran und so haben wir die Session kurzerhand gemeinsam gemacht.
Genau das ist für mich ebenfalls Barcamp: Man muss nicht vorne stehen und behaupten, bereits alle Antworten zu kennen. Man bringt eine Frage, eine Erfahrung oder eine Idee mit und schaut gemeinsam, was daraus entsteht.
Genau das hatte mir gefehlt
Neben den Sessions waren es vor allem die vielen Gespräche, die mir in Erinnerung geblieben sind. Danke unter anderem an Hubert, Stefan, Gerhard, Xiller, Joachim, Elena, Reinhard und Alexander – und natürlich an alle anderen, die dieses Wochenende so schön gemacht haben.
Nach den drei Tagen war mir wieder ziemlich klar, warum ich dieses Format so mag. Ich bin bisher von fast jedem Barcamp mit mindestens einem Gedanken nach Hause gekommen, den ich vorher so nicht auf dem Zettel hatte. Oft sind es gar nicht die großen Vorträge oder fertigen Konzepte, sondern eine Session, ein Nebensatz oder ein Gespräch beim Essen.
Und Nürnberg hat mir noch etwas gezeigt: Ein gutes Barcamp braucht nicht viele Menschen. Vielleicht war es diesmal gerade die kleine Runde, die dafür gesorgt hat, dass es so persönlich wurde.
Vor allem habe ich gemerkt, wie sehr mir diese Barcamp-Luft gefehlt hat.
Das Schöne war: Eine Woche später ging es in Pforzheim direkt weiter.
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Zurück unter Barcamp-Nerds – mein Wochenende in Nürnberg
Zum Barcamp in Nürnberg hatten sich nur knapp 30 Leute angemeldet. Aus der kleinen Runde nehme ich Eindrücke zu KI im Arbeitsalltag mit und die Erkenntnis, wie sehr mir diese Barcamp-Luft gefehlt hat.

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