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Was unsere Zeitperspektive mit Lernen und Veränderung zu tun hat

Bildung4 Min. LesezeitAuch auf Englisch
Gezeichnete Landschaft über einem Schreibtisch: links Vergangenheit mit alten Fotos, Schreibmaschine und Sanduhr, in der Mitte eine Uhr, Gespräche und eine Glühbirne über einer Stadt am Fluss, rechts ein Weg in die Zukunft mit Sonnenaufgang.

Vor ein paar Tagen bin ich eher zufällig über ein Video gestolpert, das schon einige Jahre auf dem Buckel hat: „The Secret Powers of Time“ von Philip Zimbardo.

Eigentlich wollte ich nur kurz hineinschauen. Hängen geblieben bin ich dann auch wegen der besonderen Art des Vortrags. Während Zimbardo spricht, entstehen im Zeitraffer Zeichnungen, Begriffe und kleine Szenen. Gedanken werden direkt sichtbar. Das hat mich erstaunlich schnell gepackt.

The Secret Powers of Time von Philip Zimbardo

Noch stärker hängen geblieben ist aber die zentrale Idee dahinter.

Menschen unterscheiden sich darin, wie stark sie aus der Vergangenheit, aus der Gegenwart oder aus der Zukunft heraus denken und handeln. Manche richten Entscheidungen stark danach aus, was später daraus wird. Andere orientieren sich viel stärker daran, was heute passiert und welchen unmittelbaren Nutzen etwas hat.

Das klingt zunächst recht abstrakt. Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr Bereiche sind mir eingefallen, in denen genau diese Frage eine Rolle spielt.

Weiterbildung lebt sehr stark von Zukunft

Das erlebe ich besonders im Bereich Weiterbildung.

Fast jede Weiterbildung wird mit einem Versprechen für später verbunden:

  • bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt
  • ein neuer Beruf
  • neue Fähigkeiten
  • mehr Sicherheit im Job

Das ist grundsätzlich nachvollziehbar. Lernen kostet Zeit und Energie. Natürlich möchte man wissen, wofür man das macht.

Trotzdem frage ich mich, ob wir dabei manchmal zu selbstverständlich davon ausgehen, dass dieses Zukunftsversprechen für jeden Menschen gleich motivierend ist.

Gerade Menschen, die sich beruflich neu orientieren, bringen sehr unterschiedliche Erfahrungen mit. Manche haben einen klaren Plan für die nächsten Jahre. Andere beschäftigen sich zunächst viel stärker mit der nächsten Woche oder sogar mit dem nächsten Tag.

Dann reicht die Aussicht auf einen besseren Job in 2 Jahren möglicherweise nicht aus. Lernen muss deshalb auch heute etwas bewirken. Ich finde es immer wieder spannend, was passiert, wenn aus Theorie plötzlich etwas Konkretes wird:

  • Wenn jemand einen Server selbst aufsetzt.
  • Wenn zum ersten Mal ein kleines Programm funktioniert.
  • Wenn ein technisches Problem gelöst wird, das vorher völlig undurchschaubar erschien.

Solche Momente sind klein. Trotzdem verändern sie etwas.

Vielleicht liegt genau darin ein wichtiger Punkt: Weiterbildung sollte langfristige Perspektiven eröffnen. Gleichzeitig braucht sie kurzfristig sichtbare Fortschritte.

Der Zeithorizont steckt ebenso in fast jeder Kommunikation

Wir sagen Menschen ständig, dass sie heute etwas tun sollen, damit es ihnen später besser geht:

  • Unternehmen sollen digitalisieren, damit sie künftig wettbewerbsfähig bleiben.
  • Mitarbeitende sollen sich mit KI beschäftigen, weil sich ihre Arbeit verändern wird.
  • Menschen sollen sich weiterbilden, weil bestimmte Kompetenzen in einigen Jahren wichtiger werden.

Auch sehr viele gesellschaftliche Themen funktionieren nach diesem Prinzip. Dabei gehen wir häufig davon aus, dass die Zukunft als Argument ausreicht. Vielleicht tut sie das aber nicht.

Menschen können eine Botschaft vollkommen verstehen und trotzdem anders handeln. Nicht weil sie den Zusammenhang nicht begriffen haben. Vielleicht ist der versprochene Nutzen für sie einfach zu weit entfernt.

Das finde ich gerade aus Sicht von Kommunikation interessant. Es reicht möglicherweise nicht, die richtige Botschaft zu finden. Wir sollten auch darüber nachdenken, welchen Zeithorizont diese Botschaft hat.

„Diese Weiterbildung verbessert deine beruflichen Chancen“ ist etwas anderes als „Nach zwei Wochen kannst du das erste Mal selbst X umsetzen“.

Beides kann stimmen. Es spricht Menschen aber auf unterschiedliche Weise an. Seitdem ich darüber nachdenke, sehe ich diesen Zeithorizont an erstaunlich vielen Stellen.

Die regionale Zeitperspektive

Auch bei uns in Heilbronn-Franken sprechen wir sehr viel über Zukunft:

  • Über KI.
  • Über Digitalisierung.
  • Über Fachkräfte.
  • Über die Veränderungen in Industrie und Arbeitswelt.

Das ist auch richtig. Eine Region wie unsere muss sich damit beschäftigen, was in fünf oder zehn Jahren wichtig sein wird. Trotzdem stellt sich für mich inzwischen noch stärker eine andere Frage: Wie machen wir diese Zukunft heute konkret?

Ich glaube, dass Veranstaltungen, Weiterbildung und offene Austauschformate dabei eine größere Rolle spielen können als man manchmal denkt. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum mich Barcamps seit vielen Jahren faszinieren. Bei einem Barcamp muss niemand zuerst an einen langfristigen Nutzen glauben:

  • Jemand bringt eine Frage mit.
  • Daraus entsteht eine Session.
  • Menschen tauschen Erfahrungen aus.
  • Man lernt jemanden kennen oder nimmt eine Idee mit, die man am nächsten Tag ausprobieren kann.

Manchmal entsteht daraus später mehr:

  • Eine Zusammenarbeit.
  • Ein Projekt.
  • Vielleicht sogar eine berufliche Veränderung.

Der erste Nutzen ist aber sofort da. Genau das könnte bei vielen Zukunftsthemen entscheidend sein.

Wir können den Menschen erklären, wie wichtig KI, Weiterbildung oder Digitalisierung in einigen Jahren sein werden. Wahrscheinlich sollten wir noch viel häufiger Gelegenheiten schaffen, bei denen sie heute erleben können, was davon für sie interessant oder hilfreich ist.

Vielleicht müssen wir Zukunft weniger erklären und häufiger erlebbar machen.

Steffen Jung ist Unternehmer in Heilbronn und bringt Menschen aus Wirtschaft, Bildung und Technik zusammen.

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